Was braucht Deutschland für psychedelische Therapie?

Rahmenbedingungen für psychedelisch assistierte Therapie im deutschen Gesundheitssystem

Überlegungen zu Zugang, Regulierung und Ausbildung in der psychedelisch assistierten Therapie

Sergio R. Pérez Rosal stellt sein Poster zu psychedelischer Therapie auf der Psychedelic Science 2025 vor.
Bild 1: Sergio R. Pérez Rosal stellt sein Poster zu psychedelischer Therapie auf der Psychedelic Science 2025 vor.

Ein Einstieg, der Menschen mitnimmt

Psychedelische Therapie ist längst kein Randthema mehr. Klinische Studien zu MDMA und Psilocybin zeigen vielversprechende Ergebnisse, die mediale Aufmerksamkeit wächst und auch in Deutschland stellen sich viele die Frage: Wie kommen wir von der Forschung in eine geregelte Versorgung?

Wenn Deutschland psychedelisch assistierte Therapien einführen will, braucht es mehr als gute Studien. Es braucht klare Zugangswege für Patientinnen und Patienten, Regeln für die Finanzierung und Fachkräfte, die im Umgang mit veränderten Bewusstseinszuständen geschult sind.

Ein 2024 veröffentlichter Fachartikel und ein Poster, vorgestellt auf der Psychedelic Science 2025, schlagen vor, drei Bereiche besonders in den Blick zu nehmen: Zugang, Regulierung und Ausbildung. Entlang dieser drei Aspekte lässt sich gut erkennen, wo das deutsche Gesundheitssystem bereits Ansätze bietet und wo noch Lücken bestehen.

Was müssen Politik, Institutionen und Fachkräfte heute aufbauen, damit psychedelische Behandlungen morgen nicht im luftleeren Raum landen?

Drei zentrale Baustellen

Schaut man auf das deutsche Gesundheitssystem, lassen sich drei zentrale Baustellen erkennen, wenn es um psychedelisch assistierte Therapie geht.

Die erste betrifft den Zugang. Unter welchen Bedingungen sollen Menschen überhaupt psychedelische Medikamente erhalten können, bevor es eine breite Zulassung gibt und nachdem diese erfolgt ist? Als wichtiges Stichwort seien hier die sogenannten Compassionate-Use-Programme erwähnt.

Die zweite Baustelle betrifft die Institutionen, die in Deutschland über Zulassung, Bewertung und Erstattung von neuen Therapien entscheiden. Sie bestimmen am Ende mit, ob eine Behandlung in der Routineversorgung ankommt oder in einzelnen Modellprojekten stecken bleibt.

Die dritte Baustelle ist die Ausbildung. Wer soll psychedelische Zustände begleiten, welche Kompetenzen braucht es dafür und wie könnte eine Weiterbildung aussehen, die über einzelne Fortbildungswochenenden hinausgeht?

Diese drei Fragen strukturieren inzwischen viele fachliche Diskussionen zur Integration psychedelisch assistierter Therapie. Im Folgenden werden sie nacheinander aufgegriffen.

Posterübersicht mit den zentralen Bausteinen Zugang, Regulierung und Ausbildung.
Bild 2: Posterübersicht mit den zentralen Bausteinen Zugang, Regulierung und Ausbildung.

Compassionate Use: Wenn Therapie nicht warten kann

Compassionate Use heißt vereinfacht gesagt: Schwer erkrankte Menschen können ein Medikament erhalten, das noch nicht regulär zugelassen ist, wenn es keine andere sinnvolle Behandlungsoption gibt.

Für Deutschland existiert bereits ein rechtlicher Rahmen dafür. Entscheidend ist zum Beispiel, ob es sich um eine schwere oder lebensbedrohliche Erkrankung handelt, ob wirksame Standardtherapien vorhanden sind, welche Daten aus klinischen Studien vorliegen und ob Zulassungsverfahren in Arbeit sind.

In der Praxis lässt sich dieser Rahmen als Entscheidungsbaum darstellen. Schritt für Schritt wird dabei geprüft, ob die Voraussetzungen für Compassionate Use erfüllt sind. Gerade im Kontext psychedelischer Medikamente ist das relevant. Denn hier könnten internationale Zulassungen und deutsche Realität zeitlich auseinanderfallen.

Entscheidungsbaum: Wann kommt Compassionate Use für neue Medikamente in Frage?

Wie Theorie in Praxis übergehen kann, zeigt sich an ersten Projekten, die den bestehenden Rahmen nutzen, um psychedelische Behandlungen in klar definierten Settings im Rahmen von Compassionate-Use-Programmen umzusetzen. Konzeptionelle Überlegungen, wie sie im Fachartikel beschrieben werden, liefern dafür eine Art Blaupause, das Poster verdichtet sie zu einem gut nachvollziehbaren Entscheidungsweg.

Wer entscheidet eigentlich über neue Therapien?

Bevor eine neue Therapie in der Versorgung ankommt, müssen mehrere Ebenen zusammenspielen.

Auf europäischer Ebene geht es zunächst um Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Wirkstoffs. In Deutschland prüft eine Bundesbehörde klinische Studien und Zulassungsanträge. Danach stellt sich die Frage, ob die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung bezahlen und unter welchen Bedingungen. Hier kommen weitere Gremien ins Spiel, die den medizinischen Nutzen und die Wirtschaftlichkeit bewerten.

Vereinfachte Darstellung der Institutionen, die bei der Einführung neuer Therapien zusammenwirken.
Bild 4: Vereinfachte Darstellung der Institutionen, die bei der Einführung neuer Therapien zusammenwirken.

Für psychedelische bzw. psycholytische Therapie bedeutet das: Selbst wenn eine Substanz wissenschaftlich gut belegt ist, heißt das noch nicht, dass sie automatisch in der Regelversorgung landet. Es braucht Entscheidungen dazu, wie sie eingeordnet, bewertet und finanziert wird.

Grafisch aufbereitet wird sichtbar, wie viele Knotenpunkte es entlang dieses Weges gibt. Das hilft, typische Missverständnisse zu korrigieren. Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob eine Substanz wirkt, sondern auch, ob das System vorbereitet ist, sie aufzunehmen.

Wer darf psychedelische Zustände begleiten?

Eine weitere zentrale Frage lautet: Wer ist überhaupt ausreichend vorbereitet, um Menschen in psychedelischen Sitzungen zu begleiten?

Rochester Model of Core Competencies: zentrale Kompetenzbereiche für die Begleitung psychedelischer Sitzungen.
Bild 5: Rochester Model of Core Competencies: Zentrale Kompetenzbereiche für die Begleitung psychedelischer Sitzungen.

Hier knüpfen fachliche Empfehlungen an bestehende Modelle an, etwa das Rochester Model of Core Competencies aus Nordamerika. Dieses Modell beschreibt zentrale Kompetenzen, die nach einer spezialisierten Weiterbildung vorhanden sein sollten. Im Kern geht es darum, Fähigkeiten zu definieren, die Therapeutinnen und Therapeuten nach einer spezialisierten Weiterbildung mitbringen sollten.

Dazu gehören unter anderem eine klare therapeutische Haltung, Kenntnisse zu Risiken, Integration und Nachsorge, Sensibilität für kulturelle und biografische Faktoren sowie der professionelle Umgang mit außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen. Hinzu kommen Grundlagen zu Pharmakologie und Neurobiologie psychedelischer Substanzen sowie rechtliche und ethische Aspekte.

Für Deutschland zeigt sich: Es gibt bereits erste Trainingsprogramme, aber kaum gemeinsame Standards oder verbindliche ethische Leitlinien. Für eine breitere Einführung psychedelischer bzw. psycholytischer Therapie wäre ein klar beschriebenes Kompetenzprofil ein wichtiger Schritt. Genau in diese Richtung weisen die vorliegenden Empfehlungen.

Ein 100-Stunden-Modell für Deutschland

Auf dieser Grundlage wird ein Weiterbildungsmodell mit rund 100 Stunden Umfang vorgeschlagen, das sich an bestehenden Zusatzweiterbildungen in der Medizin orientiert. Es trägt den Namen BuNT, steht für „Bildung und Nutzung von traumähnlichen Zuständen“ und adaptiert Inhalte des Rochester-Modells für den deutschen Kontext.

Struktur des BuNT Weiterbildungsmodells mit insgesamt 100 Stunden in sieben Modulen.
Bild 5: Struktur des BuNT-Weiterbildungsmodells mit insgesamt 100 Stunden in sieben Modulen.

Die Struktur ist in sieben Module mit jeweils etwa 15 Stunden gegliedert. Sie umfasst allgemeine psychotherapeutische Grundlagen, Fragen der Ethik und kulturellen Sensibilität, Vorbereitung und Screening, Integration und Harm Reduction, Therapie in veränderten Bewusstseinszuständen, den Umgang mit herausfordernden Erfahrungen sowie einen Praxistag mit klinischer Anwendung und Gemeinschaftsbezug.

Die Idee dahinter ist klar: Definierte theoretische Inhalte zu Forschung, Wirkung und Risiko, ergänzend dazu praktische Erfahrung mit der Begleitung veränderter Bewusstseinszustände unter Supervision und eine formale Anerkennung, die zeigt, dass bestimmte Kompetenzen tatsächlich erworben wurden. BuNT versteht sich als Ausgangspunkt für eine zukünftige Spezialisierung in psychedelisch assistierter Therapie. Es ersetzt nicht die bestehenden Fachweiterbildungen, sondern ergänzt sie um einen klar umschriebenen Baustein.

Warum das jetzt relevant ist

Die beschriebenen Arbeiten verbinden drei Ebenen, die sonst oft getrennt diskutiert werden: Wissenschaftliche Evidenz, regulatorische Wege und die praktische Frage, wer Menschen in diesen Prozessen begleitet.

Für die öffentliche Debatte ist das relevant, weil der Blick weg von der Frage gelenkt wird, ob psychedelische Therapien kommen, hin zu der Frage, wie sie gestaltet werden sollen. Mit klaren Regeln, definierten Kompetenzen und einem Zugang, der sich an den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten orientiert.

Die nächsten Schritte werden an vielen Stellen gleichzeitig stattfinden: in Zulassungsbehörden, in Kliniken, in Weiterbildungskursen und in der Politik. Fachartikel und Poster liefern einen Vorschlag, wie diese Schritte zusammengedacht werden können.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Fachartikel ausführliche Hintergründe zu den Expertenempfehlungen und dem vorgeschlagenen Weiterbildungsmodell.

Fachartikel zum Thema: Expert Recommendations for Germany’s Integration of Psychedelic Assisted Therapy

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