Psychedelische Erfahrungen werden von Betroffenen meist nicht als psychoseähnlich erlebt
Psychedelische Substanzen wie LSD und Psilocybin wurden lange als mögliche Modelle für psychotische Erkrankungen betrachtet. Obwohl die Diskussion um diese sogenannten Modellpsychosen kaum noch ein Thema in der Fachwelt ist, haben Forscher sich des Themas abermals angenommen. Eine im International Journal of Mental Health and Addiction publizierte Studie legt demnach nahe, dass Menschen, die sowohl Psychosen erlebt als auch Erfahrungen mit Psychedelika haben, die Gemeinsamkeiten beider Zustände als sehr begrenzt einschätzen.
Für die Untersuchung führten Forschende um Haley Maria Dourron ausführliche Interviews mit 19 Personen, bei denen nicht-affektive psychotische Störungen wie Schizophrenie oder schizoaffektive Störungen diagnostiziert worden waren und die nach einer psychotischen Episode Psychedelika konsumiert hatten. Ziel war es, subjektive Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Erfahrungswelten zu erfassen.
Die Befragten beschrieben Psychedelika überwiegend als stark von Sinneseindrücken und Emotionen geprägte Erfahrungen. Psychosen wurden dagegen häufiger als gedankenorientierte Zustände geschildert, die von Wahnvorstellungen, Selbstbezug und dem Gefühl geprägt seien, dass bestimmte Überzeugungen zweifelsfrei wahr seien. Während psychedelische Erfahrungen oft mit intensiven visuellen Veränderungen, gesteigerter emotionaler Wahrnehmung und einem Bewusstsein für die zeitlich begrenzte Wirkung der Substanz einhergingen, berichteten viele Teilnehmer, dass psychotische Episoden von Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust geprägt gewesen seien.
Gleichzeitig identifizierten die Befragten auch Überschneidungen. Besonders häufig nannten sie eine verstärkte Neigung, Zusammenhänge zwischen Ereignissen zu erkennen und Erfahrungen mit besonderer Bedeutung aufzuladen. Die Art dieser Bedeutungszuschreibung unterschied sich jedoch: Während sie in psychotischen Episoden häufig zur Ausbildung stabiler Wahnsysteme beitrug, wurde sie unter Psychedelika eher als offener Prozess des Nachdenkens und Hinterfragens beschrieben.
Auf die Frage, welche Substanz ihren psychotischen Erfahrungen am ähnlichsten gewesen sei, nannten neun Teilnehmer Cannabis. Dahinter folgten dissoziative Substanzen wie Ketamin und Dextromethorphan (DXM) sowie verschiedene Stimulanzien. Nur ein Teilnehmer bezeichnete ein Psychedelikum als die Droge, die seiner Psychose am stärksten ähnelte. Mehrere Befragte berichteten zudem, dass Cannabis paranoide Gedanken und Halluzinationen deutlich verstärken könne, weshalb die Forschenden deutlichere Warnhinweise auf Cannabisprodukten fordern, da medizinisches/rekreationales Cannabis im Alltag oft fälschlicherweise als harmloser als Psychedelika eingestuft wird.
Die Autoren betonen, dass aus den Ergebnissen weder auf eine therapeutische Wirksamkeit noch auf die Unbedenklichkeit von Psychedelika bei psychotischen Erkrankungen geschlossen werden könne. Die Studie stelle jedoch die traditionelle Annahme infrage, psychedelische Zustände könnten grundsätzlich als subjektives Modell von Psychosen verstanden werden. Stattdessen deuten die Interviews darauf hin, dass beide Zustände zwar einzelne Merkmale teilen, von den Betroffenen insgesamt aber häufiger als unterschiedlich denn als ähnlich beschrieben werden.
Die Aussagekraft der Studie ist aufgrund der kleinen Stichprobe und der auf Selbstauskünften beruhenden Diagnosen begrenzt. Die Forschenden sehen ihre Ergebnisse deshalb als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen psychotischen und psychedelischen Bewusstseinszuständen.
Dourron, H.M., Bradley, M.K., Copes, H. et al. (2026), Do Psychedelics Mimic Psychosis? Perspectives on Similarities and Differences from Individuals with Lived Experience of Psychosis and Psychedelics, Int J Ment Health Addiction 2026 doi.org/10.1007/s11469-026-01649-9