Eine 2026 im Fachjournal Psychedelics veröffentlichte Studie stellt eine weit verbreitete Erzählung über die Herkunft der aus der Sonora-Wüstenkröte gewonnenen 5-MeO-DMT-Praxis infrage. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es keine belastbaren historischen oder ethnografischen Belege dafür gibt, dass die schamanische Verwendung des psychoaktiven Sekrets von Incilius alvarius (Syn. Bufo alvalrius) eine alte Tradition der Comcáac (Seri) in Sonora darstellt.
5-MeO-DMT kommt sowohl in mehreren südamerikanischen Pflanzen als auch im Hautsekret der Sonora-Wüstenkröte vor. Historisch dokumentiert sind indigene Schnupfpräparate aus 5-MeO-DMT-haltigen Pflanzen in Teilen der Karibik und Südamerikas. Für eine traditionelle Nutzung des Krötensekrets durch die Comcáac fanden die Autoren dagegen keine entsprechende historische Dokumentation.
Die Studie rekonstruiert stattdessen die Entstehung der heutigen Erzählung. Demnach wurde 5-MeO-DMT in Form des Krötensekrets erst 2011 in das Comcáac-Gebiet gebracht. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus die Darstellung einer „ancestralen“ beziehungsweise „heiligen“ Medizin. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Fundación OTA.C. sowie der Autor und 5-MeO-DMT-Aktivist Octavio Rettig Hinojosa. Seine Darstellung, eine alte Comcáac-Praxis wiederzubeleben, habe anschließend über Bücher, Dokumentationen und internationale psychedelische Netzwerke große Verbreitung gefunden.
Die Forscher bezeichnen diesen Vorgang als „ancestralization“. Gemeint ist damit die nachträgliche Einordnung relativ neuer Praktiken als uralte Tradition, wodurch ihnen kulturelle Autorität und Authentizität verliehen werden. Die Autoren sehen Parallelen zu Entwicklungen bei der weltweiten Verbreitung von Ayahuasca, bei denen ebenfalls indigene Herkunftserzählungen und Vorstellungen von Authentizität eine wichtige Rolle spielen.
Die Problematik beschränkt sich nach Einschätzung der Studie nicht auf die historische Frage. Die Erzählung von der „ancestralen Krötenmedizin“ habe auch zur weltweiten Nachfrage nach dem Sekret beigetragen. Dadurch steige der extraktive Druck auf die wildlebende Art Incilius alvarius. Die Autoren weisen allerdings zugleich darauf hin, dass die Kröte derzeit noch als „Least Concern“ auf der Roten Liste der IUCN geführt wird. Sie halten diese Einstufung angesichts möglicher regionaler Bestandsrückgänge, zunehmender Entnahme und weiterer ökologischer Belastungen jedoch für möglicherweise nicht mehr zeitgemäß. Eine Neubewertung des Gefährdungsstatus wird vorbereitet.
Die Studie plädiert deshalb für eine strengere historische Prüfung psychedelischer Herkunftserzählungen und für eine klare Unterscheidung zwischen tatsächlich dokumentierten Traditionen und modernen rituellen Entwicklungen. Zugleich fordert sie einen verantwortungsvolleren Umgang mit dem Krötensekret und eine stärkere Berücksichtigung des Artenschutzes. Als naheliegende Möglichkeit, den Entnahmedruck auf die Tiere zu vermeiden, wird die Verwendung synthetisch hergestellten 5-MeO-DMTs diskutiert.
Die Untersuchung richtet sich damit nicht gegen 5-MeO-DMT oder indigene kulturelle Selbstbestimmung. Ihre Kritik zielt vielmehr auf die Vermischung von historischer Überlieferung, moderner ritueller Praxis und kommerzieller Vermarktung – und auf die ökologischen Folgen, die eine als „ancestral“ legitimierte Nachfrage nach einem tierischen Rohstoff haben kann.