Psychedelikforschung soll sich neu ausrichten: Autoren fordern Abkehr vom Begriff der „Psychedelischen Renaissance“

Ein internationales Forscherteam plädiert für einen grundlegenden Perspektivwechsel in der Psychedelikforschung. In einem aktuellen Fachbeitrag schlagen die Autoren vor, den häufig verwendeten Begriff der „Psychedelischen Renaissance“ durch das Konzept einer „Confluence“ („Zusammenfluss“) zu ersetzen. Ihrer Ansicht nach wird der bisherige Renaissance-Begriff den vielfältigen kulturellen und historischen Wurzeln psychedelischer Praktiken nicht gerecht.

Die Autoren argumentieren, dass die Erzählung einer „Psychedelic Renaissance“ eurozentrische Geschichtsbilder und biomedizinische Denkweisen reproduziere. Dadurch würden indigene Wissenssysteme sowie die sozialen, ökologischen und generationsübergreifenden Dimensionen psychedelischer Traditionen marginalisiert. Zugleich verweisen sie auf anhaltende Konflikte im Forschungsfeld, darunter Fragen der Biomedizinalisierung, Kommerzialisierung, Regulierung und die andauernden Auswirkungen kolonialer Machtverhältnisse.

Als Alternative führen die Wissenschaftler zwei miteinander verknüpfte Konzepte ein:

  • „Lived Kinships“ („gelebte Verwandtschaften“) soll den Blick der Forschung über das Individuum hinaus auf die Beziehungen zwischen Menschen sowie mehr-als-menschlichen Akteuren und Ökosystemen erweitern.
  • „Cosmic Diplomacy“ („kosmische Diplomatie“) beschreibt einen methodischen und politischen Ansatz, der den Dialog zwischen unterschiedlichen Wissenssystemen fördern und dem Erhalt der planetaren Gesundheit dienen soll.

Dabei stützen sich die Forschenden gezielt auf indigene Kosmologien und bringen die Perspektiven von Denkern wie Ailton Krenak, Davi Kopenawa, Nina Gualinga und dem Quilombola-Philosophen Nêgo Bispo in den wissenschaftlichen Diskurs ein.

Methodisch stützt sich der Vorschlag auf anthropologische und dekoloniale Forschung sowie ethnografische Untersuchungen in amazonischen und diasporischen Ayahuasca-Gemeinschaften. Darüber hinaus fließen hochaktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in die Argumentation ein – darunter die Erklärung der 5. Indigenen Ayahuasca-Konferenz in Brasilien (2025), das für 2026 angesetzte World Ayahuasca Forum in Spanien sowie das Nagoya-Protokoll von 2010.

Nach Auffassung der Autoren muss sich die Psychedelikforschung künftig von eurozentrischen Konzepten lösen und sich an relationalen, ökologischen und kulturübergreifenden Perspektiven orientieren. Der Paradigmenwechsel von der „Renaissance“ zur „Confluence“ soll nicht nur die biokulturelle Vielfalt schützen, sondern auch einen wissenschaftlich rigorosen und politisch dringenden Fahrplan für zukünftige empirische Forschung, Governance und ethische Investitionen bieten.

de Assis, G. L., Kambeba, A. O., Lima, J., De Bortoli, C., Montgomery, C., Ruffell, S., Rodrigues, J. (20260), From Renaissance to Confluence: A Call for Paradigm Shift in Psychedelic Studies, Psychedelics: 100010.

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