Könnten psychedelische Erfahrungen in der Evolution des Menschen dazu beigetragen haben, die Vorstellung objektiver moralischer Wahrheiten hervorzubringen? Dieser Frage geht Emanuel Jas in einem 2026 im Journal of Conscious Evolution veröffentlichten Beitrag nach. Die Arbeit verbindet Erkenntnisse und Theorien aus Evolutionsanthropologie, Neurowissenschaften und Moralphilosophie.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen überhaupt die Fähigkeit entwickelten, abstrakte Konzepte wie absolute Wahrheit oder objektive Moral zu bilden. Jas argumentiert, dass psychedelische Erfahrungen mit ihrer häufig beschriebenen Intensität, Selbsttranszendenz und dem Gefühl einer unabhängig vom eigenen Ich bestehenden Wirklichkeit einen möglichen Erfahrungsraum dafür geschaffen haben könnten. Insbesondere Psilocybin wird dabei als Beispiel diskutiert.
Nach der Hypothese des Autors könnten solche Erfahrungen die Fähigkeit unterstützt haben, von konkreten, körperlich und sozial eingebetteten Normen zu abstrakteren und transzendenten moralischen Prinzipien überzugehen. Psychedelische Erfahrungen hätten demnach möglicherweise dazu beigetragen, die Vorstellung zu entwickeln, dass moralische Wahrheiten unabhängig von individuellen oder gesellschaftlichen Überzeugungen existieren.
Jas betont dabei ausdrücklich, dass es ihm nicht darum geht, den moralischen Realismus philosophisch zu beweisen. Seine These betrifft vielmehr die Entstehung des Konzepts selbst. Dass Menschen die Vorstellung von objektiven, vom menschlichen Geist unabhängigen moralischen Tatsachen entwickeln können, bedeutet demnach nicht, dass solche Tatsachen tatsächlich existieren.
Die weitreichendere Annahme, dass psychedelischer Gebrauch während der menschlichen Evolution an der Entwicklung dieser kognitiven Fähigkeiten beteiligt gewesen sein könnte, bleibt allerdings spekulativ. Der Beitrag liefert keinen empirischen Nachweis für einen solchen evolutionären Kausalzusammenhang. Jas weist selbst darauf hin, dass auch andere Faktoren wie die Entwicklung von Sprache, die Nutzung des Feuers und das Kochen von Nahrung zur kognitiven Evolution des Menschen beigetragen haben könnten.
Die Arbeit formuliert damit vor allem eine ungewöhnliche evolutions- und bewusstseinsphilosophische Hypothese: Psychedelische Erfahrungen könnten nicht nur religiöse oder spirituelle Vorstellungen beeinflusst, sondern möglicherweise auch dazu beigetragen haben, dass der Mensch moralische Normen in Form von abstrakten und universellen Wahrheiten denken konnte. Ob Psychedelika tatsächlich eine solche Rolle in der menschlichen Evolution gespielt haben, ist bislang offen.