Psychedelika könnten das Gehirn für neues Lernen öffnen

Psychedelische Substanzen könnten ihre therapeutischen Wirkungen nicht nur über ihre unmittelbaren pharmakologischen Effekte entfalten. Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Gül Dölen und Makenzie L. Wilkinson im Annual Review of Neuroscience stellt ein neurobiologisches Modell vor, nach dem Psychedelika vorübergehend die Lern- und Anpassungsfähigkeit des erwachsenen Gehirns erhöhen.

Im Mittelpunkt stehen drei miteinander verbundene Prozesse: Psychedelika könnten sogenannte kritische Perioden wieder öffnen – Zeitfenster, in denen neuronale Netzwerke besonders empfänglich für erfahrungsabhängige Veränderungen sind. Gleichzeitig könnten sie eine Metaplastizität auslösen, also die Fähigkeit des Gehirns verändern, überhaupt Plastizität zu entwickeln. Hinzu kommt eine Umgestaltung der extrazellulären Matrix, eines stabilisierenden Netzwerks rund um die Synapsen.

Die Autoren sehen darin einen möglichen gemeinsamen neurobiologischen Mechanismus verschiedener Psychedelika. Ihre Befunde stammen allerdings zu einem erheblichen Teil aus präklinischen Untersuchungen. Zudem ist noch nicht geklärt, wie die drei Prozesse mechanistisch zusammenwirken. Die Autoren sprechen deshalb von einem Arbeitsmodell und nicht von einem bereits abschließend bewiesenen Wirkmechanismus.

Das Modell stellt zugleich die lange vorherrschende Vorstellung infrage, psychische Erkrankungen ließen sich primär durch die Korrektur eines neurochemischen „Ungleichgewichts“ erklären. Stattdessen schlagen Dölen und Wilkinson ein Lernmodell vor: Psychedelika könnten dem Gehirn vorübergehend ein Zeitfenster erhöhter Veränderungsfähigkeit eröffnen, während der Kontext darüber mitbestimmt, welche Lern- und Anpassungsprozesse stattfinden.

Damit könnten die neuen neurobiologischen Modelle auch erklären, warum psychedelische Therapie nicht allein auf die Substanzwirkung reduziert werden kann, sondern die Erfahrungen und der therapeutische Kontext eine wichtige Rolle spielen.

Quelle

Dölen, G., Wilkinson, M.L. (2026), The emerging neurobiology of psychedelics: critical periods, metaplasticity, and extracellular matrix remodeling, Annual Review of Neuroscience 49: 495-515.

Zur Studie, öffnet in neuem Tab annualreviews.org

Teilen

Newsletter - Abonnieren Sie unseren Newsletter, um Einblicke in aktuelle Projekte und Veranstaltungen zu erhalten.

Bleiben Sie verbunden mit einer Gemeinschaft, die den Dialog über psychedelische Erfahrungen verantwortungsvoll und zukunftsorientiert gestaltet – und erhalten Sie Neuigkeiten zu Projekten, Veranstaltungen und Publikationen.