Eine neue Studie liefert Hinweise auf einen möglichen Ansatz zur Vorbeugung der Chemotherapie-induzierten peripheren Neuropathie (CIPN). In verschiedenen Mausmodellen verhinderte Psilocybin die Entwicklung von durch neurotoxische Chemotherapeutika ausgelösten sensorischen Störungen. Die Ergebnisse wurden durch Untersuchungen an menschlichen Nervenzellen und Gewebe ergänzt.
Die CIPN gehört zu den häufigen Nebenwirkungen bestimmter Chemotherapien, insbesondere von Platinverbindungen und Taxanen. Sie kann unter anderem Schmerzen, Kälteempfindlichkeit, Taubheitsgefühle und eine Beeinträchtigung der Berührungsempfindung verursachen und über längere Zeit fortbestehen. Eine etablierte medikamentöse Strategie zur zuverlässigen Vorbeugung existiert bislang nicht.
In den Experimenten erhielten Mäuse zwei Dosen Psilocybin vor Beginn der Chemotherapie. Die Behandlung verhinderte die Entwicklung einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit auch bei wiederholten Chemotherapiezyklen. Die Schutzwirkung hielt in den untersuchten Modellen bis zu acht Monate an. Auch bei tumortragenden Mäusen blieb die antitumorale Wirkung der Chemotherapie erhalten; Veränderungen der untersuchten Immunzytokine wurden ebenfalls nicht festgestellt.
Weitere Experimente deuteten darauf hin, dass die Wirkung über den Serotonin-5-HT2A-Rezeptor vermittelt wird. Dabei war der neuroprotektive Effekt offenbar nicht an die psychedelische Wirkung von Psilocybin gebunden: Ein nicht-psychedelischer 5-HT2A-Agonist erzielte in den Untersuchungen einen vergleichbaren Schutz.
Als möglichen Mechanismus identifizierten die Forschenden die Aufrechterhaltung des mitochondrialen Transports entlang der Axone sensorischer Nervenzellen. Mitochondrien versorgen die Nervenendigungen mit Energie. Die untersuchten Chemotherapeutika beeinträchtigten diesen Transport und führten dadurch zu einer verminderten Energieversorgung der weit vom Zellkörper entfernten Nervenendigungen. Psilocybin verhinderte diese Störung und erhielt dadurch die Struktur und Funktion der peripheren Nervenendigungen.
Die Forschenden bringen den Effekt mit einer Signalkaskade aus TrkB, Akt, PAK5, MAP2 und KIF5B in Verbindung, die am Transport von Mitochondrien innerhalb der Axone beteiligt ist. Zusätzlich beobachteten sie eine Normalisierung von Veränderungen der kortikalen elektrischen Aktivität, die durch die Chemotherapie hervorgerufen wurden.
Die Untersuchungen wurden nicht ausschließlich an Tieren durchgeführt. Die Forscher untersuchten auch aus menschlichen Stammzellen gewonnene sensorische Neuronen, frisch isolierte menschliche periphere Nerven sowie Hautbiopsien. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass das mit dem 5-HT2A-Rezeptor verbundene Netzwerk zur mitochondrialen Regulation auch im menschlichen Nervensystem vorhanden ist.
Eine Wirksamkeit von Psilocybin zur Vorbeugung einer Chemotherapie-induzierten Neuropathie beim Menschen ist damit allerdings noch nicht nachgewiesen. Die entsprechenden Wirksamkeitsdaten stammen aus präklinischen Modellen. Klinische Studien müssen nun klären, ob sich der neuroprotektive Effekt auf Krebspatienten übertragen lässt und ob Psilocybin oder nicht halluzinogene 5-HT2A-Agonisten hierfür geeignet und sicher sind.
Die Studie wurde im September 2026 in Science veröffentlicht. Die Ergebnisse eröffnen damit einen möglichen neuen Forschungsansatz zur Prävention einer bislang schwer behandelbaren Nebenwirkung bestimmter Krebstherapien.