Mit der zunehmenden wissenschaftlichen und regulatorischen Anerkennung psychedelisch unterstützter Therapien rückt nach Ansicht von Forschenden eine bislang wenig beachtete Frage in den Fokus: Wie gut lassen sich die überwiegend in westlichen Ländern entwickelten Behandlungsmodelle auf andere kulturelle Kontexte übertragen? Zu diesem Schluss kommt ein Fachkommentar mit dem Titel „Psychedelic therapy and cultural humility“.
Die Autoren verweisen darauf, dass klinische Studien mit Psilocybin- und LSD-gestützter Therapie bei Menschen mit lebensbegrenzenden Erkrankungen deutliche Verbesserungen von Depressionen, Angstzuständen und Demoralisierung gezeigt haben. Die bisher etablierten Therapieprotokolle seien jedoch überwiegend in euro-amerikanischen Kulturkreisen entwickelt worden und spiegelten entsprechende Werte und Vorstellungen wider.
Am Beispiel der chinesischen Palliativversorgung erläutern die Autoren, dass psychosoziale und kulturelle Faktoren den Verlauf psychedelischer Therapien voraussichtlich auf komplexe Weise beeinflussen. Hierzu zählen unter anderem familienzentrierte Entscheidungsprozesse, spirituelle Überzeugungen, gesellschaftliche Stigmatisierung sowie kulturell geprägte Vorstellungen darüber, was ein „gutes Sterben“ ausmacht.
Vor diesem Hintergrund plädieren die Autoren für einen Ansatz der kulturellen Demut bzw. Bescheidenheit (cultural humility). Dieser beschreibt eine Haltung kontinuierlicher Selbstreflexion, Sensibilität für Machtverhältnisse in der therapeutischen Beziehung sowie Offenheit gegenüber den Weltanschauungen und Lebenserfahrungen der Patienten. Gerade in der psychedelischen Therapie sei dies von besonderer Bedeutung, da das subjektive Erleben wesentlich durch das therapeutische Setting, die Beziehung zwischen Patient und Therapeut sowie individuelle Prozesse der Sinngebung geprägt werde.
Mit den regulatorischen Öffnungen für psychedelische Therapien in Australien sowie in mehreren europäischen und US-amerikanischen Rechtsräumen gewinne die Frage ihrer kulturellen Übertragbarkeit zunehmend an Bedeutung. Nach Ansicht der Autoren ist die Wirksamkeit psychedelischer Therapien nicht allein eine pharmakologische oder psychotherapeutische, sondern ebenso eine kulturelle Frage. Um die Übertragbarkeit dieser Behandlungsansätze zu verbessern, sollten Forschung und klinische Praxis kulturelle Vielfalt sowie das Zusammenspiel von Überzeugungen, sozialen Normen, klinischen Praktiken und psychedelischer Pharmakologie stärker berücksichtigen.