Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit kommt zu einem zurückhaltenden Ergebnis hinsichtlich des Einsatzes von Kratom (Mitragyna speciosa) gegen Schmerzen. Zwar zeigen präklinische Untersuchungen konsistent schmerzhemmende Effekte von Kratom und seinen Alkaloiden, doch reichen die bisherigen Daten am Menschen nicht aus, um eine klinische Wirksamkeit zu belegen. Die Arbeit erschien im Mai 2026 in Phytomedicine Plus.
Für die Untersuchung werteten die Forschenden 44 Studien aus, darunter 28 präklinische und 16 Humanstudien. In Tier- und anderen experimentellen Modellen zeigten Kratom beziehungsweise seine Alkaloide dosisabhängige antinozizeptive und entzündungshemmende Effekte. Als möglicher Mechanismus werden unter anderem Wirkungen am μ-Opioidrezeptor diskutiert.
Die klinische Datenlage ist dagegen deutlich dünner. In Untersuchungen mit Mitragynin ließen sich keine signifikanten Veränderungen von Schmerzschwelle oder Schmerztoleranz feststellen. Eine Kratom-Abkochung erhöhte bei gesunden Probanden in einem experimentellen Schmerztest die Schmerztoleranz moderat. Daraus lässt sich jedoch keine Aussage über die Wirksamkeit bei chronischen oder klinisch behandlungsbedürftigen Schmerzen ableiten.
Auch die Sicherheitsdaten sind begrenzt. Einmalige niedrige bis moderate Dosen von Mitragynin beziehungsweise Kratom wurden in den untersuchten Humanstudien insgesamt gut vertragen; beobachtet wurden überwiegend leichte und vorübergehende Nebenwirkungen. Über die Sicherheit eines längerfristigen oder hoch dosierten Konsums lässt sich daraus jedoch nicht schließen. Die Autoren weisen insbesondere auf mögliche Abhängigkeit und Entzugssymptome bei chronischem beziehungsweise hoch dosiertem Gebrauch hin.
Die Übersichtsarbeit zeichnet damit ein differenziertes Bild: Kratom besitzt ein in präklinischen Modellen gut belegtes schmerzhemmendes Potenzial, doch ein klinisch relevanter analgetischer Nutzen beim Menschen ist bislang nicht nachgewiesen. Nach Ansicht der Autoren sind kontrollierte klinische Studien erforderlich, um Wirksamkeit und langfristige Sicherheit besser beurteilen zu können.