Gehirn-Entropie als Biomarker für den psychedelischen Zustand?

Die Suche nach einem verlässlichen biologischen Marker für psychedelische Bewusstseinszustände könnte komplexer sein als bislang angenommen. Eine neue Übersichtsarbeit stellt die verbreitete Annahme infrage, dass eine erhöhte sogenannte Hirnentropie (Entropische Gehirnhypothese) bereits als belastbarer Biomarker für die Wirkung serotonerger Psychedelika gelten kann.

Die sogenannte Entropic Brain Hypothesis zählt seit Jahren zu den einflussreichsten Modellen der Psychedelikaforschung. Sie geht davon aus, dass Substanzen wie LSD und Psilocybin die Vielfalt und Unvorhersagbarkeit neuronaler Aktivitätsmuster erhöhen – messbar als gesteigerte Entropie im Gehirn. Zahlreiche neurobildgebende Studien hatten solche Veränderungen beschrieben, wodurch sich Hirnentropie in Teilen der Forschung als vielversprechender Kandidat für einen objektiven Marker des psychedelischen Zustands etabliert hat.

Die Autorinnen und Autoren der nun veröffentlichten Übersichtsarbeit warnen jedoch vor einer zu vereinfachten Interpretation. Zwar gebe es weiterhin Hinweise darauf, dass Entropie-Messungen wertvolle Informationen über veränderte Bewusstseinszustände liefern können. Die bislang verfügbare Evidenz reiche jedoch nicht aus, um Hirnentropie bereits als verlässlichen oder spezifischen Biomarker des psychedelischen Zustands zu betrachten.

In ihrer Analyse identifizieren die Forschenden vier zentrale Herausforderungen: Erstens seien Veränderungen der Hirnentropie nicht ausschließlich unter Psychedelika zu beobachten, sondern auch außerhalb solcher Zustände. Zweitens würden bestehende Entropie-Modelle der Tatsache nur unzureichend Rechnung tragen, dass Bewusstsein kein eindimensionales Phänomen ist, sondern mehrere subjektive Erlebnisdimensionen umfasst. Drittens existierten verschiedene Entropie-Metriken, die unterschiedliche Aspekte neuronaler Dynamik erfassen und nicht immer konsistente Ergebnisse liefern. Viertens sei die direkte Verbindung zwischen erhöhten Entropiewerten im Gehirn und einem subjektiv als „reicher“ oder „erweitert“ empfundenen Bewusstsein bislang nur begrenzt empirisch abgesichert.

Trotz dieser Kritik verwerfen die Forschenden das Konzept nicht. Stattdessen plädieren sie für präzisere methodische Ansätze, standardisierte Messverfahren und eine engere Verknüpfung neurobiologischer Daten mit systematisch erhobenen subjektiven Erfahrungsberichten.

Paper: Moses, B., Doss, M. K., & Tagliazucchi, E. (2026). A critical review of brain entropy as a biomarker of the psychedelic state. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 106720.

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