Eine kultur- und religionshistorische Studie untersucht die Rolle psychoaktiver Substanzen in der daoistischen Tradition anhand klassischer chinesischer Quellentexte. Im Mittelpunkt steht nicht die pharmakologische Wirksamkeit der beschriebenen Mittel, sondern ihre religiöse Funktion innerhalb eines komplexen Systems aus Ritualen, Meditation, ethischer Selbstkultivierung und dem Streben nach Unsterblichkeit.
Die analysierten Schriften nennen sowohl einzelne Pflanzen wie Cannabis (Cannabis sativa), Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), Kermesbeere (Phytolacca acinosa) und Papiermaulbeere (Broussonetia papyrifera) als auch komplexe Rezepturen und Elixiere aus pflanzlichen, mineralischen und metallischen Bestandteilen. Ihnen werden Wirkungen wie Visionen, die Wahrnehmung von Geistern, Kommunikation mit übernatürlichen Wesen, außergewöhnliche Erkenntnis bzw. das Erlangen von Unsterblichkeit zugeschrieben.
Nach den historischen Quellen war die Einnahme dieser psychoaktiven Substanzen streng reglementiert. Herstellung, Zusammensetzung, Erntezeitpunkte und Dosierungen unterlagen detaillierten Vorschriften. Hinzu kamen Fastenzeiten, Reinheitsgebote, rituelle Vorbereitung sowie eine kontrollierte Weitergabe des Wissens innerhalb einer autorisierten Lehrer-Schüler-Tradition. Der Autor interpretiert diese Praktiken als Bestandteil einer „sakralen Technologie“, in der psychoaktive Substanzen nicht isoliert wirkten, sondern erst im Zusammenspiel mit religiösen Ritualen und ethischer Kultivierung ihre spirituelle Bedeutung entfalteten. Ein unreglementierter Gebrauch war mit diesem daoistischen Kultivierungssystem nicht vereinbar.
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass psychoaktive Substanzen im Daoismus nicht als Genuss- oder Rauschmittel verstanden wurden. Vielmehr dienten sie nach daoistischem Verständnis als Hilfsmittel, um außergewöhnliche Bewusstseinszustände zu erreichen, die Kommunikation mit spirituellen Wesen zu ermöglichen und den Weg zur Vereinigung mit dem Dao sowie zur angestrebten Unsterblichkeit zu unterstützen.
Qiongke, G. (2026), Psychoactive Substances in Daoist Practice: A Cultural and Historical Perspective, Religions, 17(4): 438.